Der Grinch…

…ist ein charmant animierter Weihnachtsfilm für sehr junge Semester mit ausreichend hoher Gag- und Rührungsdichte, welcher einmal mehr beweist, dass Otto Waalkes, der absurderweise im deutschen den Cumberbatch geben darf, ein ausgesprochen feiner Synchronsprecher ist – auch wenn die durchgehende Wärme in seiner Stimme einem Ende, welches ohnehin schon sehr früh sehr harmonisch und antiklimaktisch wird, nicht gerade hilft, den Spannungsbogen oben zu halten.
Für anderthalb Stunden Eskapismus mit den Kleinsten zum Jahresende gar nicht schlecht.

D.C.L.

The Death of Stalin (O-Ton)…

…ist weniger daran interessiert, eine historisch akkurate Rekonstruktion der Tage unmittelbar nach Stalins Tod zu sein, als eine bitterböse Satire auf alte, mächtige Männer, die sich im Angesicht der Gefährdung des Status Quo wie Kleinkinder gebaren, die sich um die Förmchen zoffen. Konsequenterweise sind dann auch annähernd sämtliche Rollen mit Schauspielern besetzt, denen das weite Feld der Komik nicht unbekannt ist, welche sich dann mit entsprechend großer Spiellust gegenseitig die furztrockenen Pointen um die Ohren hauen. Und angesichts der monströsen Opferzahlen Stalins und seines Regimes ist es nur recht und richtig, dass der Film ebendiese verbalen Ohrfeigen durchgehend und unerbittlich und ausschließlich nach oben verteilt.

D.C.L.

Sir (O-Ton)…

…besitzt im indischen Original einen wesentlich spannenderen Titel als der Pilcher-kompatible deutsche „Die Schneiderin der Träume“, spielt letzterer doch eher auf den netten, gut gespielten, insgesamt aber geht so originellen „Pretty Woman“-Plot an, während ersterer bei näherer Betrachtung erfreulich doppelbödig ist: „Sir“ ist eben nicht nur der freundliche, überprivilegierte Wieder-Junggeselle, in welchem die Protagonistin als Haushälterin arbeitet, um ihren eigentlichen Traum einer Schneiderlehre zu finanzieren, nein, Sir ist auch die Anrede, welche für das im Film sehr anschaulich gezeigte Kastenwesen steht, welches selbst dann noch drohend über allem schwebt, wenn es kurze Momente schlichter Menschlichkeit zu sehen und zu entdecken gibt. Somit erhebt sich diese sehr farbenfroh gefilmte Geschichte am Ende doch noch deutlich über das Roberts-Gere-Vehikel: war dieses nie wirklich interessiert, die Wirklichkeit der prekären Situation von Prosituierten in das bunte Treiben einfließen zu lassen, wird hier ziemlich kompromisslos aufgezeigt, dass da, wo es kein richtiges Leben im Falschen gibt, am Ende auch kein berittener Held zur Stelle sein kann, um das Happy End einzuleiten.

D.C.L.

Woman at War (O-Ton)…

…erzählt die Geschichte einer Umweltaktivistin, welche im Privatleben überraschend trotz fortgeschrittenem Alter ein Kind adoptieren darf und im Geheimen zur Rettung der Erde vor der globalen Erwärmung regelmäßig das isländische Stromnetz lahmlegt. Das Setting ist dabei so absurd und komisch wie das Anliegen des Filmes spürbar ernst, wobei er nicht predigt, sondern in ein paar wenigen, aber prägnanten Bildern zeigt, dass die Zukunft klimatechnisch ziemlich beschissen aussieht und verzweifelte Situationen vielleicht verzweifelte Maßnahmen erfordern. Es hat mich aufrichtig erstaunt, dass dieser Film, in welchem die Saboteurin und Regierungskritikerin ganz klar und ohne wenn und aber die strahlende Heldin der Geschichte ist, im echten Leben staatliche Förderung erhielt – so etwas wäre in der braven didaktisch-deutschen Filmlandschaft wohl nicht denkbar.
Dem Film selbst tut es sehr gut, dass er sich voll und ganz auf das entwaffnende Charisma seiner Hauptdarstellerin Halldóra Geirharðsdóttir verlässt, welches sie mitunter dank Zwillingsschwester-Subplots gleich zweimal auf der Leinwand versprühen darf. Und wenn sie in einem so spannungsgeladenen wie gewaltfreien „First Blood“-Finale so clever wie verzweifelt vor Drohnen, Spürhunden und SEK-Truppen durch die wunderschöne Landschaft Islands flieht, wird es gar nochmal richtig spannend.
Kleine Randbemerkung zum Schluss: der Running Gag, das jeweilige „Filmorchester“ sichtbar in das laufende Werk einzubauen, ist nicht neu – „Something About Mary“, „Birdman“ und die „Simpsons“ haben es schon vorher gemacht. Aber hier ist es das erste Mal, dass es sich nicht wie ein bloßes Gimmick anfühlt, weil das Herrentrio mit Tuba, Klavier und Percussion ebenso wie der ukrainische Damenkleinchor zwar immer wieder für lustige Momente sorgen, aber als Manifestationen des Innenlebens der Hauptfigur auch durchaus Sinn und Zweck haben.

D.C.L.

The Ballad of Buster Scruggs (O-Ton)…

…zeigt nicht zuletzt aufgrund seines episodischem Aufbaus klar und deutlich die Stärken und Schwächen der Coens. Immer noch sind sie visuelle Genies, welche sich mit sichtlicher Freude in ihrer anachronistischen Western-Ästhetik austoben und denen so nicht selten Bilder gelingen, die in der Netzhaut eingebrannt bleiben. Immer noch sind sie begnadete Erzähler, welche aus scheinbaren Belanglosigkeiten ganz große Dramen entspinnen können. Und noch immer haben sie einen messerscharfen Blick für die Anomalien des Lebens, wobei es ihnen in ihren besten Momenten noch immer gelingt, so virtuos auf der Schwelle zwischen Tragödie und Komödie zu wandeln, dass sie sich in ebendiesen magischen Momenten jeglicher Einordnung entziehen – ich weiß nicht, wann mich zuletzt etwas derart Bösartiges (nicht zu verwechseln mit Boshaftes) so erheitert hat wie die Liam Neeson-Episode „Meal Ticket“.
Wogegen sich die brillanten Brüder hingegen immer mit Händen und Füßen gewehrt haben, waren Antworten, die Suche nach Sinn, oder auch nur so etwas wie ein runder Abschluss ihrer Geschichten. Viele Werke werden zu Unrecht als nihilistisch bezeichnet, bei den Coens hat das Nichts klar Konzept. Und ganz ehrlich: ich habe sie immer geliebt dafür, dass sie sich einen feuchten Kehricht um altbekannte Erzähl- und Happy End-Muster scherten. Wenn der klare Hauptdarsteller ihres Filmes nach anderthalb Stunden off-Kamera (!) abgeknallt wurde und das Ganze ohne ihn weiter gehen musste, wenn der Sympathieträger nach erfolgreich bestandenem Endkampf einen Herzinfarkt bekam, traurige Liebhaber, denen man alles Glück der Welt wünschte, am Ende von Äxten erschlagen wurden und JK Simmons kurz vor dem Abspann noch einmal klar stellte, dass es nun wieder mal überhaupt nichts zu lernen gab, habe ich nach kurzem Schockmoment begeistert zugeben müssen, dass dies so viel lebensechter und frischer wirkte, als so vieles, was sonst so im Medium Film serviert wird.
Nun hatten aber ebendiese Filme allesamt eine stattliche Länge, und die Mittelfinger in Richtung Erzählkonventionen hatten viiiel Zeit, in Ruhe vorbereitet zu werden, um dann umso größeren Eindruck zu machen – und zu hinterlassen. Bei sechs Episoden in guten zwei Stunden ist schlicht irgendwann klar, wohin der Hase läuft, man ist gewappnet und distanziert sich vom Ganzen, so dass es fast schon wieder überraschend ist, wenn ein Schwinger doch noch durch die Deckung trifft.
Wesentlich schwieriger ist jedoch, dass die Coen ihren Figuren schon immer vor allem gegen Ende ihrer Geschichten furchtbare Dinge antaten, ich aber nicht eine Sekunde das Gefühl hatte, sie wären ihnen egal. Hier ist ihr süffisantes Grinsen allgegenwärtig, wie Gottheiten schauen sie durch ihre Linse auf die Menschen und da, wo früher echte Empathie spürbar war, macht sich nun immer wieder eine vielleicht altersbedingte Verachtung breit. Es gibt Ausnahmen – die Tom Waits-Episode „All Gold Canyon“ gehört zum aufrichtig Schönsten, was die Herren je zustande gebracht haben – aber diese zeigen nur umso klarer, wie egal ihnen die übrigen Charaktere zu sein scheinen, wodurch sie mir auch die meiste Zeit über egal bleiben, weshalb mich ihre häufig grimmigen und sehr selten glücklichen Schicksale selten wirklich berühren können.
Bei „No Country For Old Man“, ihrem wohl nihilistischsten Film, weil er dem Nichts, dem Zufall, dem Schicksal mit Javier Bardem ein Gesicht gegeben hat, gab es immer noch als Gegenstück einen alten, müden Tommy Lee Jones, welcher zu spät zu seinen eigenen Shootouts kam und am Ende in einer so absurden wie tief berührenden Szene von seinen Träumen erzählte. Von Nichts, Zufall und Schicksal gibt es reichlich in „The Ballad of Buster Scruggs“. Nur die Träume, die sind sehr rar gesät.

D.C.L.