Murder on the Orient Express (O-Ton)…

…ist ein von Kenneth Brannagh mit viel Gespür für Flair inszeniertes Star-Stelldichein, nicht ohne Längen, nicht ohne dramaturgische Stolpler, aber genug vom unverwüstlichen Geist Agatha Christis auf die Leinwand zaubernd, um unterm Strich doch als lohnenswerte Mörderhatz durchzugehen.

D.C.L.

Thor: Ragnarok (O-Ton)…

…ist mindestens genauso bunt, laut und CGI-überfrachtet wie der zweite „Guardians“-Teil, wirkt aber im Direktvergleich um Welten unverkrampfter, leichter und komischer als James Gunns Versuch, seinen eigenen Überraschungshit zu toppen, der für meinen Geschmack ein paar mal zu oft die Grenze zur Albernheit um der Albernheit willen überschritt und auch sonst eine Idee zu verzweifelt um Lässigkeit rang.
Taika Waititi versteht es, eine astreine klassische Marvel-Heldenreise mit viel Bummbumm und durchaus tragischen Aspekten zu erzählen, besitzt dabei aber eben zusätzlich noch ein traumwandlerisches Gespür für den richtigen Moment, all das mal kurz sein zu lassen, die Kamera auf Jeff Goldblum zu richten und ihn aufzufordern, das zu sagen, was ihm gerade einfällt – wer Interviews mit diesem kennt, weiß, dass dies ohnehin schon mal die halbe Miete ist. 60 % des Netto-Filmdialoges sollen hier improvisiert worden sein, und auch wenn mir diese Zahl in ihrer Größe etwas zweifelhaft erscheint, sind es gerade die Momente, in denen sich der Hemsworth-Chris eine spontane Bruder-Anekdote aus dem Arsch zieht, Ruffolos Hulk über seine Spitznamen sinniert oder der obig erwähnte Herr Goldblum ohne großes Vortäuschen einer wie auch immer gearteten Figur den Goldblum frei lässt, die „Thor: Ragnarok“ fliegen und mich laut lachen lassen (erwähnte ich schon, dass ich keine Ahnung habe, ob und wie dieser Film in deutscher Synchro funktionieren kann?). Und dank der wie immer umwerfenden Cate Blanchett gibt es ausnahmsweise mal wieder eine Schurken-Interpretation, die im Gedächtnis bleibt, was auf der „Guten“-Seite auch auf Tessa Thompson zutrifft, die ein willkommener frischer Wind inmitten der alterndenen Marvel-Superherrenriege ist.
Hatte großen Spaß.

D.C.L.

Es (2017)…

…verwechselt auf der Horrorebene für meinen Geschmack deutlich zu oft wahren Grusel mit „Stille, Stille, Stille, GERÄÄÄÄÄUUUUUSCH!!!!“ alias Jumpscare alias die Geißel des modernen Horrors und macht zudem noch den zweiten großen Fehler des Genres, dass er sich allzu oft und gerade da zu selbstbewusst auf CGI verlässt, wo der Schrecken praktisch und haptisch (reimt sich!) sein müsste, um nachzuhallen, weshalb der Film zwar währenddessen den Puls auf einer angenehm ungemütlichen Frequenz wummern lässt, aber weder die Flötenfrau aus dem Bild noch der untote Leprakranke irgendeinen verstörenden Eindruck am Tag darauf hinterlassen.
Ansonsten ist dies eine prächtige King-Verfilmung, die sich genau auf die Motive konzentriert, welche die gelungenen Vertreter dieser Gattung von denen unterscheidet, die den Horror im Monster unterm Bett und nicht im Vater suchen, der darauf sitzt. Seit „Stand by me“ war der Zusammenhalt von King-Kindern nicht mehr so kraftvoll und berührend dargestellt worden (nein, auch in „Stranger Things“ nicht) und der unerbittliche King-Blick hinter die idyllische Fassade vermeintlicher häuslicher Unschuld war sonst zuletzt nur von der Netflix-Eigenproduktion „Gerald’s Game“ schonungsloser und besser durchgeführt worden. So mag es ein Versehen seitens des Regisseurs sein, dass alle Szenen mit den durch und durch monströsen Erwachsenen, welche die zarten Kinderseelen nicht nur nicht schützen, sondern alles daran setzen, sie zu vernichten, so viel beeindruckender, beängstigender, deprimierender sind als alles, was Nicht-Tim-Curry aufzufahren hat, es funktioniert freilich innerhalb einer Geschichte, die so klar von rationalen und irrationalen Ängsten erzählt, prächtigst.
Solider Horror, formidables Drama.

D.C.L.

Blade Runner 2049 (O-Ton)…

…ist, dies vorneweg, aus rein ästhetischen Gesichtspunkten das Beste, Schönste, Wahrste, was es in diesem Jahr im Kino zu sehen geben wird. Nicht eine Aufnahme von Altmeister Deakins, die nicht eingerahmt an irgendeiner Wand hängen könnte, nicht einmal, dass der Computer, der ganz bestimmt massiv zum Einsatz kam, zu irgendeinem Zeitpunkt „Kuckuck, hier bin ich!“ ruft, wie er es sonst mittlerweile ständig tut. Besser noch: die wirklich beeindruckenden Bauten und Effekte sind nie bloßes Angebergewichse, sondern allesamt eingebunden in eine erfreulich schlaue Story, die erkennbar dieselbe DNA wie das Original in sich trägt, ja, sich im Grunde mit denselben Fragen beschäftigt, dabei aber ihren ureigenen Weg so selbstbewusst, versiert und nicht selten brillant zu gehen weiß, dass es eine große Freude ist, die auch bei einer Laufzeit von zweieinhalb Stunden durchgehend anhält. Bei so viel visueller und narrativer Pracht lässt es sich selbst Harrison Ford nicht nehmen, mal wieder eine der nuancierteren Darbietungen seines Spätwerkes zu liefern, während Ryan Gosling, der mir als Komödientrottel mit virtuosem Timing sonst am allerbesten gefällt, das unverschämte Glück hat, das sein Gesicht so dermaßen fotogen ist, dass es auch dann noch einen Film mit Überlänge mühelos trägt, wenn es dabei ein und denselben unverrückbaren Hundeblick aufsetzt. Und auch auf die Gefahr hin, verlacht zu werden: Ex-Wrestler Dave Batista ist ein großartiger Schauspieler, was er einmal mehr in den ersten zehn Minuten mit einer Performance zeigt, die so viel Gravitas und Tiefe besitzt, dass sie noch den kompletten, an Schauwerten ohnehin schon nicht armen Film lang nachhallt.
„Arrival“ wird wohl noch lange Villeneuves ungeschlagenes Meisterwerk bleiben, aber die Leistung, eine so durch und durch gelungene Fortsetzung zu einem DER Sci-Fi-Klassiker zu kreieren, ist schon sehr, sehr beachtlich.

D.C.L.

Gerald’s Game (O-Ton)…

…erzählt vordergründig die Geschichte einer Frau, die sich nach einer vom Herzkasper ihres Ehemannes unterbrochenen Sexeskapade mit Handschellen an ein Bett gefesselt und mutterseelenallein in einem Haus mitten im Wald wiederfindet, und funktioniert auf dieser reinen Horrorebene allein schon blendend genug, zumal Regisseur Mike Flanagan beweist, dass ein Film nicht einen verfickten Jumpscare braucht, um trotzdem sehr, bisweilen gar seeeehr gruselig zu sein. Weitaus spannender, wenngleich verstörender und oft schwer zu ertragen ist freilich das mit gnadenloser Stringenz durchgezogene Motiv von Trauma und Missbrauch, welches wie ein anderthalbstündiger innerer Monolog immer Thema ist, und dabei aber – und das erhebt diesen Film über Machwerke, die heikle Motive wie diese als reine Plotvorantreiber missbrauchen – nie im Zuständlichen verweilt, sondern durchdringt, verarbeitet und am Ende in einen katharsischen (Über-)Lebenskampf mündet, dessen Siege sich nicht zuletzt deshalb so gut anfühlen, weil Hauptfigur und Film sie sich so redlich erarbeitet haben.
Getragen wird dieses gräuliche Kammerspiel von einer phantastischen Carla Gugino, welche diese Tour de Force so durch und durch glaubwürdig und sehenswert spielt, dass ich selbst als alter Horror-Schisser nie wegsehen konnte und einem mephistophelischen Bruce Greenwood, der mit sichtlicher Freude den Einflüsterer der Hoffnungslosigkeit mimt.
Gute King-Verfilmungen sind so selten, und die hier ist mehr als gut.

D.C.L.